Bias – Statistik & Psychologie

Peter Saubert/ März 17, 2017/ Erkenntnistheorie/ 0Kommentare

Der Unterschied zwischen einem Intelligenten und einem Weisen:

Der Intelligente glaubt viel zu wissen. Der Weise weiss, dass er viel glaubt.

Der Begriff Bias wird in der Statistik und in der Psychologie verwendet. Die Übersetzung des Wortes bedeutet soviel wie schräg, verspannt, einseitige Neigung. In jedem Fall steht der Begriff Bias für ein systematische Fehleinschätzung der Situation. Damit handelt es sich auch um wesentliches Problem in der Erkenntnisfähigkeit.

Als Bias wird in der Statistik der Fehler bezeichnet, der sich auf Grund von falschen Modellannahmen ergibt. Es ist ein systematischer Fehler. Die Statistik in der Fahrzeugerprobung ist besonders anfällig für diese systematischen Fehler. Oft ist eine Ausdifferenzierung von Fehlern nicht möglich. Darüber hinaus gibt es absolut betrachte immer sehr wenige Versuchsobjekte mit sehr wenigen Fehlern.

Mindestens eben so wichtig, wie der statistische Bias ist der Beitrag des psychologischen Bias. In der Fahrzeugerprobung geht es immer um die Bewertung von Fehlern. Menschen sind unterschiedlich kritikfähig. Ist die Kritiktoleranz sehr klein, ist der Hinweis auf einen möglichen Fehler sehr schnell ein Angriff auf die Person.

Sehr häufig sind auch Auseinandersetzungen vom Typ, der Erprober benennt einen Fehler und der Entwickler antwortet, der Tester hätte das Testobjekt oder die Testapartur falsch bedient. Diese Form der Auseinandersetzung nimmt mit dem Maß der fehlenden Spezifikation der Anforderungen zu.

Aus Sicht von Techniker ist das Problem der Psychologie die fehlende Konkretheit, Exaktheit und der Verzicht auf die Aussage, etwas sei falsch. Dies liegt primär auch daran, dass sich die Psychologie den oben genannten Anforderungen entzieht, dass Theorien falsifizierbar sein müssen.

In der Psychologie gibt es den Bias in unterschiedlichsten Ausprägungen. Wichtig an der Stelle ist nur, dass es diese Wahrnehmungsfehler gibt. In der täglichen Arbeit der Fahrzeugerprobung genügt die Kenntnis der Existenz einiger dieser Fehler. Das genügt, um zu versuchen, im Erprobungsprogramm diesen Fehlern auszuweichen und damit das Ergebnis zu verbessern.

Bestätigungsfehler (confirmation bias):

Die Neigung, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass Sie der eigenen Erwartung entsprechen. Das, was ich erwarte, wird also stärker gewichtet, als das, was ich nicht erwarte. Nicht erwartete Fehler werden eher als Bedienfehler interpretiert.

Überzeugungsbias (belief bias):

Die Tendenz zu glaubwürdigen Schlussfolgerungen; Ein Verhalten, das in meine Glaubenssätze passt, wird überbewertet. Folglich werden Fehler, die nicht in meine Denkwelt passen, untergewichtet bis verdrängt.

Überschätzung der Urteilskraft (Bias blind spot):

Tendenz, sich selbst für unbeeinflusst zu halten; Der Glaube an den freien Willen der Menschen und seine objektive Urteilskraft nimmt seit der Aufklärung zu. Damit nimmt auch die Überschätzung der Urteilskraft permanent zu. Oft wird gemeint, man könnte hoch komplexe Systeme mit einer Kurzbeurteilung erfassen und daraus dann die richtigen Schlüsse ziehen. Dem ist leider nicht so. Der Mensch ist nicht in der Lage, komplexe Systeme schnell zu übersehen. Die Vereinfachungen laufen in der Regel schief.

Default-Effekt:

Übermäßige Bevorzugung der Option ohne aktive Entscheidung; Teilweise wird der Default-Biss auch als geistige Trägheit bezeichnet. Wenn nichts geändert werden muss, ist dies meist bequem.

Halo-Effekt:

Tendenz, vom Bekannten auf Unbekanntes zu schließen; In Wahrheit ist dies das Indikationsproblem der Erkenntnistheorie.

Kontrasteffekt:

Überbewertung von herausstechenden Informationen; Informationen, die im Mittelpunkt stehen und schnell wahrgenommen können, werden sofort aufgenommen und in den Mittelpunkt gestellt. Wie relevant bzw. wichtig diese Information tatsächlich ist, wird dann nicht mehr hinterfragt. Mit dem herausheben von unwichtigen Informationen werden wir abgelenkt. Die Werbung macht das gerne.

Dunning-Kruger-Effekt / Selbstüberschätzung / Vermessenheitverzerrung:

Tendenz von inkompetenten Menschen sich selbst zu über- und andere zu unterschätzen; Eine Folge der Aufklärung ist der Glaube, jeder wäre in der Lage, sich zu jedem Thema eine eigene Meinung zu bilden. Wer zu einem anderen Ergebnis kommt als ich, ist dumm. Folglich werden eigene Meinungen und Weltbilder hoch bewertet und die Meinung anderer Menschen unterbewertet. Dieser Bias ist die Geburt der Übermenschen.

Kontrollillusion (illusion of controll):

Die falsche Annahme Zufälliges, durch das eigene Verhalten beeinflussen zu können; Dieser Bias ist bei Technikern und Kaufleuten wichtig. Beide Berufsgruppen sind „kausalitätssüchtig“. Das bedeutet, sie versuchen hinter allem eine Ursache zu sehen. Nun ist es aber so, dass die Welt so komplex ist, dass die meisten Dinge für den Menschen zufällig passieren. Unser Verhalten beeinflusst viele Dinge viel weniger, als wir annehmen. Aus meiner Erfahrung als Führungskraft kann ich berichten, dass oft gerade Menschen mit ausgeprägter Kontrollillusion den Betrieb deutlich aufhalten. Sie bewirken durch ihr Handeln oft das Gegenteil von dem, was sie bewirken möchten.

Illusorische Korrelation:

Die fälschliche Wahrnehmung eines Kausalzusammenhangs; Es wird eine Ursache für etwas angenommen, die eben nichts damit zu tun hat. In Wahrheit handelt es sich um Esoterik. Auf Grund der Kausalitätssüchtigkeit vieler Menschen im Umfeld der Fahrzeugerprobung sind diese Ursachensuchen hier sehr häufig anzutreffen. In Verbindung mit dem Dunning-Kruger-Effekt werden zufällige Fehler gerne der Unfähigkeit des Erproben zugesprochen. Aus diesem Grund ist die Erkennung zufälliger Fehler in vielen Organisationen vollkommen ausgeschlossen.

Rückschaufehler (hindsight bias) / Erinnerungsverzerrung (recall bias):

Verfälschte Erinnerung an eigene Vorhersagen nachdem das Prognostizierte eingetreten ist; Eine Empfehlung vieler langfristig erfolgreicher Menschen ist, schreiben sie Tagebuch. Notieren sie im Tagebuch alle wesentlichen Erwartungen. Der Grund ist, dass kein Mensch in der Lage ist, rückwirkend Dinge richtig zu beurteilen. In der Folge kann man sich oft das eigene Handeln selbst nicht richtig erklären. In Verbindung mit dem anderen Bias-Effekten führt das dann zur Umdeutung der Vergangenheit. Dies ist aber kritisch, da Erprobung oft rückwirkend das eigene Handeln begründen muss.

Emotionale Beweisführung:

Neigung eigene Emotionen als den Beweis für Annahmen zu betrachten; Dieses Problem spielt primär im Umfeld der persönlichen Kränkungen rund um die Fehlerverfolgung eine Rolle.

 

Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassungen eines Abschnitts aus einer Mitarbeiterschulung unter dem Titel „Erkenntnistheorie als Grundlage der Fahrzeugerprobung. Für Fragen, Anregungen und Diskussionen steht Ihnen der Autor gerne zur Verfügung.

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