Was ist der Unterschied zwischen Realität und Testrealität?

Peter Saubert/ April 15, 2018/ Erkenntnistheorie/ 0Kommentare

Für die Argumentation und die Abschätzung der Belastbarkeit von Versuchsergebnissen spielt es eine große Rolle, Klarheit über die Begriffe zur Umwelt zu haben. Ein Begriff, der häufig sehr unklar verstanden ist, ist die Realität. Was ist Realität und wie unterscheiden sich Realität und Testrealität?

Um die Begriffe der Realität beschreiben zu können, muss in der Vorstufe der Unterschied zwischen den Begriffen komplex und kompliziert verstanden sein. Oft werden die Begriffe ähnlich verwendet. Das ist aber falsch und Ursache für viele Missverständnisse.

Definition komplexe Umgebung

Eine Umgebung ist komplex, wenn sich die möglichen Einflüsse nicht umfassend physikalisch beschreiben lassen.

Erläuterung: Die Realität ist immer komplex. Nach dem 1. Unvollständigkeitssatz von Gödel, wir jedes System, das eine Beschreibung der Realität ist, entweder widersprüchlich oder unvollständig sein. Damit kann kein System, das der möglichen Nutzungsrealität entspricht, physikalisch vollständig beschrieben werden.

Definition komplizierte Umgebung

Eine kompliziert Umgebung ist eine reduktionistische Betrachtung der Nutzungsrealität. Diese vereinfachte Betrachtung der Nutzungsrealität kann physikalisch vollständig beschrieben werden, auch wenn die Beschreibung sehr aufwendig sein kann.

Ist die Trennung zwischen komplizierter und komplexer Umgebung nach einer Regel möglich?

Die Trennung ist nicht möglich. Was für den einen kompliziert und beschreibbar ist, kann für den anderen komplex sein. Dies hängt klar vom Grad der Erkenntnis des Sachverhalts durch die einzelne Person ab. Oft hat es auch nichts mit dem Ausbildungsstand zu tun. Man mag zwar meinen, dass ein Akademiker sich damit leichter tut, komplexe in komplizierte Sachverhalt zu überführen. In der Praxis ist es jedoch lediglich das Maß an Pragmatismus, das ein Mensch an den Tag legt, relevant für diese Fähigkeit.

Die Entwicklung von Wissenschaft sorgt dafür, dass für die Menschheit immer mehr Themen aus der komplexen Welt in die komplizierte Welt überführt werden. Unabhängig davon kann aber etwas Kompliziertes in Folge von chaotischen Reaktionen immer wieder komplexes Verhalten zeigen. An der Rückführung in das Komplizierte scheitert das Management häufig.

Nachdem die Begriffe kompliziert und komplex klar sind, können wir uns den Begriffen der Realität zuwenden. Dazu wieder zwei Definitionen.

Definition der Realität bzw. Nutzungsrealität

Die Realität ist die Umgebung, auf die das Produkt in seinem Lebenszyklus trifft. Zu näheren Beschreibung sollte für die Realität die Nutzungsrealität verwendet werden.

Definition der Testrealität

Testrealität ist die Realität des Prüfobjekts in seiner Testumgebung.

Beispiel: Sie entwickeln einen PKW und erklären, Sie haben das Fahrzeug auf Herz und Nieren für jede Nutzung getestet. Dann kommt ein verrückter Milliardär auf die Idee Ihr Fahrzeug im Weltraum oder auf dem Mond einzusetzen. Die Nutzungsrealität unterscheidet sich damit von der Testrealität wesentlich.

Wofür wird eine Testrealität benötigt?

Damit ein Produkt getestet werden kann, muss die hochgradige Nutzungskomplexität des Produkts zumindest teilweise in eine Testkompliziertheit überführt werden. Komplizierte Sachverhalte sind beschreibbar, steuerbar und kontrollierbar. Damit ist das Schaffen einer Testrealität die Voraussetzung für einen Testprozess. Der Testprozess ist die Voraussetzung für einen Freigabeprozess.

Ein Testprozess ist immer davon geprägt, etwas komplexes, nicht beschreibbares in einen gefassten Rahmen zu überführen. Dabei wird versucht, die aus Sicht des Testers wesentlichen Faktoren der Nutzungsrealität in einem komplizierten System zu beschreiben.

Im Idealfall ist die Testrealität eine Teilmenge der Nutzungsrealität. Das ist aber keine Bedingung. Von den Fähigkeiten des Testers und der Testorganisation hängt entscheidend ab, ob die Testrealität überwiegend eine Teilmenge der Nutzungsrealität ist. Unabhängig davon ist es so, dass sich Nutzungsrealitäten auch ändern.

Beispiel: Früher war es üblich Motoren in Volllast-Dauerläufen abzusichern. Die Regelbetriebszeit für diese Volllastdauerläufe waren 500-1.000 Stunden Volllast. Mit der Zeit sind die Leistungen und die Höchstgeschwindigkeiten gestiegen. In der Folge ist es gar nicht mehr möglich auf dieser Welt auf öffentlichen Straßen die Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 300km/h für 500 Stunden in Volllast zu fahren. Die Testrealität ist damit eine Überabsicherung der Nutzungsrealität geworden.

Auch wenn es gelingt, große Teile der Testrealität solide in Prüfprogrammen zu beschreiben, enthalten alle Testrealitäten weiterhin „blinde Flecke“ bzw. „black boxes“. Damit haben auch alle Testrealitäten teilweise komplexes Verhalten.

Beispiel: Ein Prüfprogramm beschreibt die Konditionierung von Luft in jedem Detail. Es wird alles wird perfekt beschrieben. Nach dem Prüfstand-Abgas-Dauerlauf stellen Sie eine Phase fest, in der sich die Abgaswerte umplausibel verändert haben. Die Ursache ist das Verklappen von Schweine-Gülle auf einem Feld in der Nähe. Der Wind stand so, dass die Bestandteile Ammoniak und Schwefelwasserstoff durch die Prüfstandsbelüftung angesaugt wurden. In der Folge verändert sich natürlich das Verhalten Ihres Abgases. Kennt man den Einfluss nicht, hat man auch nicht die geringste Chance, die Abweichung zu erklären und zu verstehen. Der Sachverhalt ist komplex und nicht nachvollziehbar.

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Für Fragen, Anregungen und Diskussionen steht Ihnen der Autor gerne zur Verfügung.

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