Zielgruppe und Zusammenfassung

Dieser Text richtet sich an Prozess- und Entscheidungsverantwortliche für die Etablierungen und die Durchsetzung von systematischen Freigabeprozessen.

Der Text erläutert eine Methode zur Gewährleistung eines langfristig effektiven und effizienten Freigabeprozesses.

Einleitung

Ein Standard-Freigabe-Prozess umfasst unterschiedlichste Prüfumfänge. In der Regel werden diese Prüfumfänge zunächst bei einer Neuentwicklung festgelegt und dann mit den Erfahrungen im Laufe der Zeit immer wieder ergänzt. Dadurch werden die Programme mit der Zeit immer umfangreicher und liefern bezogen auf den Aufwand immer weniger Fehler zurück.

Hat der Freigabeprozess eine gute Rückkopplungsschleife, lernen die entwickelnden Fachbereiche, Dienstleister und Zulieferer mit der Zeit, welche Probleme in der Erprobung auftreten können und  wie man diese abstellt. Diese Qualifikation der Entwicklung ist eine wesentliche Aufgabe zur Effizienzsteigerung in der Erprobung. Das bedeutet, dass diese qualifizierten Bereiche weniger überprüft werden müssen. Es ergibt sich also ein Optimierungspotential.

Warum muss man Prüfprogramme anpassen?

Prüfprogramme werden mit der Zeit immer mächtiger, umfangreicher, ineffizienter und ineffektiver. Um den Freigabeprozess kosteneffizient zu halten und die relevanten Umfänge zu testen, muss das Freigabe-Prüfprogramm immer wieder angepasst werden, in dem

  • überholte Umfänge gestrichen werden
  • die Absicherung neuer Risiken ergänzt wird

Warum muss die Zahl der Prüfumfänge im Standard-Freigabe-Prozess regelmäßig reduziert werden?

Ist man sich nicht sicher, ob einzelne Umfänge in der Praxis funktionieren oder nicht, macht eine Absicherung im Freigabeprozess Sinn. Hinzu kommen regelmäßig neue Erkenntnisse und Wünsche der Fachabteilungen und der Feldbetreuung, die zu einer Erweiterung von Prüfumfängen im Standard-Freigabeprozess führen.

Die permanente Erweiterung macht den Freigabeprozess immer teurer. Mit der steigenden Anzahl von Prüf-Umfängen wird der Prozess aber immer ineffizienter. Die Zahl der gefundenen Beanstandungen nimmt ab. Das hat folgende Gründe:

  • Je komplexer das Prüfprogramm wird, um so mehr Fehler werden in der Abarbeitung gemacht.
  • Je umfangreicher das Prüfprogramm wird, um so mehr nimmt der Koordinationsaufwand zu. Dieser wird mit deutlich mehr Prüfpersonal und besseren Tools oder mit deutlich schlechteren Ergebnissen bezahlt.
  • Je mehr Prüfprogramme installiert werden, um so mehr Fehler werden redundant geprüft.
  • Prüfprogramme überholen sich mit der Zeit, da sich die Anwendung des Produkts mit der Zeit ändert, die technischen Möglichkeiten verbessern oder die Entwicklung aus vergangenen Prüfergebnissen und Feldbeanstandungen gelernt hat.

 

Soll der Freigabeprozess also kundenrelevant und kosteneffizient durchgeführt werden, müssen die Prüfumfänge regelmäßig geprüft und aktualisiert werden. Dabei ist der Streichung von Umfängen besondere Bedeutung beizumessen.

Wie misst man die Wirksamkeit von Prüfprogrammen in Freigabeprozessen?

Grundsätzlich ist eine Prüforganisation immer mit dem Problem des Nicht-Wissens konfrontiert. Der Freigabeverantwortliche weiß nicht, was es für Probleme geben kann und welche Risiken aus dem Produkt resultieren. Er muss aber eine Entscheidung auf der Basis der Ergebnisse rechtfertigen. Um die Entscheidung von „haben wir schon immer so gemacht“ und reinem Bauchgefühl in eine zumindest teilweise nachvollziehbare Argumentation zu überführen, muss die Wirksamkeit gemessen werden. Damit ist dann eine teilweise Steuerung der Gestaltung von Prüfprozessen mittels KPIs (Key Performance Indikator, Leistungskennzahl) möglich.

Ich möchte aber ganz klar vor einer ausschließlich auf KPIs gestützten Gestaltung der Testprozesse warnen. Der gesunde Menschenverstand wird durch die KPIs (Key Performance Indikator, Leistungskennzahl) nicht ersetzt. KPIs geben nur mehr Sicherheit und eine fundiertere Basis für die Argumentation.

Im Grundsatz gelten die klassischen Prinzipien der Betriebswirtschaft zur Gestaltung von KPIs. Diese sind zum Beispiel

  • Ergebnis je Mitteleinsatz
  • Ergebnis je Mitarbeiter
  • Ergebnisse je Zeit
  • Profitabilität
  • Resourceneinsatz je Ergebnis

Ergebnisse können sein

  • Anzahl gefundener Fehler
  • Anzahl gefundener Fehler nach Risikoklassen (Risikoklassen lassen sich beispielsweise im Hinblick auf Image, Kosten, Kundenbindung bilden)
  • ersparte Kosten für die gefundenen Fehler

Mitteleinsätze sind zum Beispiel

  • Kosten
  • Prüffacilities

Mitarbeiter als Basis können sein

  • Prüfpersonal
  • Koordinationspersonal

Zeiten als Basis können sein

  • Projektdauer
  • Nutzungszeit von Prüfeinrichtungen
  • Arbeitszeit

Profitabilitäten sind zum Beispiel

  • gesparte Kosten gesamt, je Mitarbeiter, je Freigabekosten
  • Deckungsbeitrag der Prüforganisation gesamt, je Mitarbeiter, je Prüfprogramm, je Freigabe
  • Gesamtkosten gesamt, je Prüfprogramm, je Freigabe
  • RoI (Return on Invest, Kapitalrückflusszeit)

Resourcen sind unter dem Aspekt des „Grünen Testens“ beispielweise

  • Kraftstoffverbrauch, Stromverbrauch, CO2-Emission
  • Flächenverbrauch
  • Wasserverbrauch
  • Verbrauch an Betriebsstoffen

Nach welchen Kriterien reduziert man Prüfumfänge im Standard-Freigabe-Prozess?

Bevor über die Umfänge gesprochen wird, die entfallen können, sollte klar sein, welche Umfänge auf Grund gesetzlicher Anforderungen gar nicht gestrichen werden können. Diese sind  tabu. Es spricht aber nichts dagegen, gesetzlich geforderte Umfänge zu intensivieren und ggf. zusätzliche Ergebnisse zu generieren.

Nicht gestrichen werden sollten alle Tests, die kaum Kosten verursachen und automatisiert ablaufen können, auch wenn die Fehlererkennungsquote sehr gering ist.

Grundsätzlich sollten alle Prüfumfänge kritisch geprüft werden, die zwar einerseits eine hohe Fehlerquote aufweisen, diese Fehler aber andererseits nicht feldrelevant sind. In der Regel handelt es sich hier um die „Über“-Prüfung. Ein einfaches Streichen der Umfänge ist jedoch auch hier nicht angezeigt. Ggf. ist eine Ausweitung des Prüfanspruchs bis zum Ausfall kostengünstiger, als ein einfaches Streichen.

Darüber hinaus stehen potentiell alle Teile der Freigabe zur Disposition, die schlechte Kennzahlen aufweisen. Fällt eine Prüfumfang hinsichtlich der Leistungskennzahl negativ aus dem Rahmen, steht dieser Teil der Freigabe zur Disposition. Das gilt um so mehr, wenn die Fehlerbilder auch redundant erfasst wurden. Es gilt weniger, wenn die Risiken aus dem Streichen nach dem gesunden Menschenverstand zunehmen würden.

Weiterhin sollte auf umfangreiches Streichen verzichtet werden, wenn die Entwicklungsbereiche von Fluktuation, Lieferantenwechsel oder Ähnlichem stark belastet werden. Werden viele neue Mitarbeiter, Dienstleister oder Lieferanten in einem Projekt eingesetzt, ist von einer deutlichen Reduzierung auch abzuraten.

Nach welchen Kriterien erweitert man Prüfumfänge im Freigabeprozess?

In der Regel werden sich die meisten Führungskräfte mit der Frage nach der Reduzierung von Prüfumfängen in Freigabeprozessen auseinander setzen müssen. Grundsätzlich müssen Prüfprogramme ja auch modernisiert werden und damit stellt sich zwingend auch die Frage, welche Umfänge werden neu